«Tiny Houses» steht in den USA für eine neue Bewegung: Es ist die logische Antwort auf hohe Immobilienpreise und akuten Platzmangel in den Städten. Internationale Designer und Architekten legen neue Entwürfe für Klein-Domizile vor. Sie zielen darauf ab, den hohen Verbrauch an Ressourcen, Land und Energie zu reduzieren. Getreu dem Motto: Weniger ist mehr.

Was sind «Tiny Houses»? Der Begriff kommt ursprünglich aus den USA. Die amerikanische Architekturszene hat die Bewegung in Gang gesetzt. Auch die Vision einer nachhaltigeren Gesellschaft spielt mit hinein. Die deutsche Website http://www.tiny-houses.de zitiert den Gelehrten Leonardo da Vinci mit dem Satz: «Die kleinen Zimmer oder Behausungen lenken den Geist zum Ziel, die großen lenken ihn ab.»

Tiny Houses: Mobile Kleinhäuser für Individualisten. (Bild: fotolia)

Zu seinem ganz persönlichen Wohnglück wünscht sich jeder Mensch einen schönen Raum zum Wohnen, Schlafen, Kochen und Essen. Doch wie viel Fläche braucht es wirklich? Was ist heute die menschenwürdige Mindestgrösse einer Wohnung? Kurz zusammengefasst sind dies die Themen rund um «Tiny Houses». Die Frage beschäftigt Architekten und Städteplaner seit Jahrzehnten. Natürlich will niemand zurück in die Epoche vor 100 Jahren. Damals lebten die Menschen in beengten Räumen von Mietskasernen. Oft teilten sich Grosshaushalte mitsamt mehreren Untermietern zwei oder drei winzige Zimmer.

Der Gedankenanstoss der Reduktion ist heute wieder aktuell. Und zwar in fast allen westlichen Ländern: Bevölkerungswachstum, Bodenknappheit und oft unerschwingliche Mieten verlangen nach neuen Antworten. Der Trend zu Kleinwohnungen aus Fertigelementen oder zu Mini-Häusern ist derzeit in den USA, in Deutschland und in Japan en vogue. In der Diskussion tauchen ganz unterschiedliche Begriffe auf. Wie erwähnt Tiny Houses, aber auch Urban Cabin oder zu Deutsch Mini-Häuser, Kleinst-Häuser etc.

Tiny Houses: Die Geschichte

Die Vision Tiny Houses hat eine längere Vorgeschichte. Bereits in den 1920er-Jahren arbeiteten amerikanische Tüftler daran, die Mobilität des Autos mit dem Komfort des eigenen Zuhauses zu verbinden. So entstanden die ersten «Motorhomes» respektive Tiny Houses auf Rädern.

Einen völlig neuen Entwurf für das moderne Leben und Wohnen in Städten legte der japanische Architekt Kisho Kurokawa schon 1972 vor. Der in Tokio realisierte Nakagin Capsule Tower besteht vor allem aus Modulen, die man in einer Fabrik vorfabriziert. Der Turm mit 13 Geschossen ist bis zur Spitze 54 Meter hoch. Unten befinden sich konventionelle Büroräume. Darüber sind auf 11 bzw. 9 Geschossen industriell hergestellte Wohnmodule montiert. Das Konstruktionsprinzip: Die Kapseln weisen relativ geringe Flächen auf, sind aber leicht demontier- und austauschbar. Die Bewohner bzw. Eigentümer haben alle Flexibilität, die Module ganz nach ihren Wünschen miteinander zu verbinden und auch zu grösseren Einheiten zusammenzufügen. Dies schafft einen Rahmen, sehr haushälterisch mit den knappen Ressourcen wie Boden und Wohnfläche umzugehen.

Loftcube: schick und mobil

Einen mutigen Vorschlag unterbreitete 2003 der deutsche Design-Professor Werner Aisslinger. Sein mobiler Wohnwürfel namens «Loftcube» weist eine Fläche von 39 Quadratmetern auf. Bestechend ist zum einen, dass dieses Mini-Domizil schick aussieht, aber nicht mehr Fläche umfasst als unbedingt nötig. Hinzu kommt, dass «Loftcube» aufgrund seiner Konstruktionsweise leicht versetzt, weitertransportiert oder woanders aufgestellt werden kann. Aisslingers Gedankenanstoss eröffnet übrigens noch viele weitere Perspektiven.

Gerade in vielen Städten kann man den Wohnwürfel ganz einfach auf eine bisher nicht genutzte Fläche stellen – zum Beispiel auf das Flachdach schon bestehender Gebäude. So ist die eigene Stadt-Loft für Kleinhaushalte, von denen es immer mehr gibt, rasch gebaut. Was es noch braucht, sind Strom- und Wasseranschluss und fertig ist die Loft. Wird sie schliesslich einige Jahre später nicht mehr gebraucht, kann sie ebenso einfach wieder abtransportiert werden.

Loftcube von Werner Aisslinger: eine Vision für mobile Wohnformen von Morgen. (Bild: wikimedia)

In die Reihe von «Tiny Houses» gehören übrigens viele weitere Entwürfe. Neulich stiess zum Beispiel eine Innovation des niederländischen Büros DUS Architekten auf grosse Resonanz: Deren «Tiny Houses» gehen in der Reduktion sogar noch weiter. Der Entwurf 3D Printed Urban Cabin ist bereits als Mini-Domizil in Amsterdam realisiert worden. Die Fläche beläuft sich gerade auf acht Quadratmeter. Umgeben ist das Kleinhaus von einem kleinen Garten und einer Outdoor-Badewanne. Die Niederländer verbinden den Ansatz «Tiny Houses» mit modernsten Fertigungsmethoden: Das Haus kommt aus dem 3D-Drucker und besteht aus recycelbarem Bio-Plastik. Das Mini-Haus eignet sich für Übernachtungen und temporäre Nutzungen.

Tiny Houses: Anstoss für Ihr Projekt!

Auch wenn die Visionen der Architekten manchen Leuten zu weit gehen – der Ansatz der Flächenreduktion ist durchaus berechtigt. Denn schliesslich hat auch die Schweizer Wohnbevölkerung höhere Löhne und steigende Kaufkraft 1:1 in einen deutlich höheren Flächenkonsum umgemünzt.

Bevor Sie ein Haus bauen oder eine Neubauwohnung kaufen: Wie viel Wohnfläche werden Sie über die ganze Nutzungsperiode wirklich produktiv und sinnvoll nutzen? Oft planen zum Beispiel Familien Zimmer und Flächen ein, die sie später gar nicht mehr benötigen. Denken Sie auch daran: Die Fläche und Grösse einer Wohnung oder eines Hauses ist der entscheidende Kostentreiber! Als Faustregel gilt: Für ein gängiges Einfamilienhaus sind pro Quadratmeter Fläche etwa 4’000 Franken reine Baukosten zu budgetieren. Wie jeder Wohneigentümer oder Finanzfachmann weiss: Die Fläche kostet letztlich nicht nur zum Zeitpunkt der Erstellung, sondern auch im Betrieb und während der ganzen Nutzungsdauer. Wer zum Beispiel sein Traumobjekt um 20 Quadratmeter kleiner dimensioniert, erzielt längerfristig eine grosse Einsparung. Die Finanzierung verbilligt sind, man spart Unterhalts-, Betriebs- und Energiekosten.

Tiny Houses: Swiss Made

In der Schweiz gibt es grob geschätzt einige Hunderttausend Parzellen, wo neben dem bestehenden Wohnhaus noch reichlich Platz für eine Ergänzung wäre. Weshalb soll man Neubauten «auf der grünen Wiese» realisieren, wenn in bestehenden Zonen noch Raum für Verdichtung ist? Eine Antwort auf solche Grundsatzfragen ist der Entwurf Smallhouse. Der schlanke, modern wirkende Wohnkubus ist 1999 vom Schweizer Büro Bauart Architekten und Planer AG entworfen worden. Die Grundfläche beträgt lediglich 4,4 mal 11 Meter. Dennoch bietet das Smallhouse eine beachtliche Netto-Wohnfläche von 74 Quadratmetern – das entspricht in etwa einer durchschnittlichen 3-Zimmer-Wohnung in bestehenden Mehrfamilienhäusern.

Passt auf fast jede Bauparzelle: Smallhouse von Bauart Architekten und Planer (Bild: Bauart AG)

Smallhouse aus Holz

Das Smallhouse wird im Holz-Elementbau erstellt, mit einer hinterlüfteten Lärchenschalung als Fassade. Im Innern sind die Oberflächen aus Massivholz Fichte vorgesehen. Die vorgefertigten Holzelemente werden auf der Baustelle zusammengebaut. Diese Methode hat verschiedene Vorteile, etwa eine kurze Bauzeit, die Verwendung nachhaltiger Materialien und eine hohe Präzision. Der Grundtyp ist mit zwei Geschossen und vier grossen Fenstern in alle vier Himmelsrichtungen ausgestattet. Die Elementbauweise erlaubt aber -zig verschiedene Varianten, zum Beispiel als direkter Anbau an bestehende Gebäude, frei stehend mit Satteldach oder mit mehr als einem Modul, die aneinandergereiht werden. Der Entwurf von 1999 ist mit vielen Auszeichnungen beehrt worden.

Heute hat die Firma koppmarcelbaut gmbh aus Täuffelen die Lizenz für das Smallhouse und agiert als Realisierungs- und Vertriebspartner in der ganzen Schweiz. Die Firma aus dem Berner Seeland hat den Wohnquader den Anforderungen und Normen der Zeit angepasst; der Entwurf beruht aber nach wie vor auf der Grundidee, Wohnraum mit einem geringen Verbrauch an Land und Ressourcen zu schaffen. «Uns ist auch die Idee des ‚Stöcklis‘ wichtig», sagt Marianne Kopp von koppmarcelbaut. Aufgrund des schmalen Gebäudekörpers und der flexiblen Anpassungs- und Ausbaumöglichkeiten eignet sich das Smallhouse für alle möglichen Parzellen – etwa als Ergänzung zu einem bestehenden, älteren Wohnhaus mit einem grossen Garten.

Tiny Houses: Was kostet ein Haus?

Für die jüngere oder je nach dem die ältere Generation eines Eigentümerhaushaltes liesse sich so der Wohnraum auf der bestehenden Parzelle optimal erweitern – mit einem eigenen, individuellen Wohnkubus. Fassaden, Fenster und Gebäudehülle sind von hoher Qualität und unterschreiten die Vorgaben der Bau- und Energiegesetze. Die reine Gebäudehülle (Holzbau inklusive Fenster, Flachdach, Spenglerarbeiten) ist mit rund 192’000 Franken ausgesprochen preiswert.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass nebst der Gebäudehülle noch einiges dazu kommt. «Die weiteren Module wie Nasszellen, Küche, Haustechnik, Heizsystem etc. hängen ganz von den Wünschen der Bauherrschaft ab, müssen aber für die Gesamtkosten berücksichtigt werden», so Marianne Kopp. Separat in Rechnung gestellt werden zudem Planungs- und Vorbereitungsarbeiten, die nötigen Arbeiten am Terrain, also Werkleitungen, Erschliessung, Aushub, gegebenenfalls Unterkellerung bzw. Fundament sowie öffentliche Gebühren. Das Smallhouse ist ohne Zweifel preiswert; aber die Gesamtkosten inklusive Ausbau dürften in den meisten Fällen dann doch auf rund 350’000 bis 450’000 Franken zu stehen kommen.

Fazit: Das Haus oder die Wohnung ist für viele Menschen der Mittelpunkt ihres Lebens und massgeblich für ihr Wohlbefinden. Doch die öffentliche Diskussion, von welchem Massstab dieses «Glücksgehäuse» wirklich sein muss, sollte noch intensiver geführt werden. Die internationale Bewegung der «Tiny Houses» liefert dazu Anstösse.

Das Schweizer Smallhouse im nachhaltigen Holz-Elementbau (Bildquelle / Farbkonzept: atelier sandra richard / 3D-visualisierung: pixelschmiede)

FAQ zu Tiny Houses: Was brauche ich für Bewilligungen? Sind «Kleinhäuser» wirklich nachhaltig?

Die Bewegung ist ursprünglich in den USA entstanden. Dabei ging es zunächst darum, das Leben in kleinen Häusern zu propagieren und sich mit einem weniger hohen Konsum an Wohnfläche zu begnügen (Downsizing). Die Idee fand speziell nach der Finanz- und Immobilienkrise in der Phase von 2007 bis 2010 eine grosse Zahl von Anhängern. Neben den ideellen Überlegungen ging es auch ganz konkret darum, zu einem erschwinglichen Preis wohnen zu können.

Der Hintergrund in der Schweiz ist etwas anders. Hier sind vor allem ökologische und gesellschaftliche Ziele damit verbunden. Die Anhänger der Tiny House-Bewegung in der Schweiz suchen nicht unbedingt eine Immobilie zum geringstmöglichen Preis, sondern propagieren eine ökologische, bewusste und nachhaltige Lebensweise.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiny_House_Movement)

Die Kantone haben die Bau- und Energievorschriften zusehends verschärft. Das kommt den Tiny Houses nicht gerade entgegen, weil gewisse minimale Standards an Wärmedämmung, Isolationswerten, rechnerischer Energienachweis etc. verlangt sind. „Wenn die Vorgaben für eine Baubewilligung von Anfang an in der Planung berücksichtigt werden, stellen sie nicht wirklich ein Problem dar“, sagt Alesch Wenger vom Schweizer Verein Kleinwohnformen. Tatsache ist aber, dass jede Art von Gebäude ein ordentliches Bewilligungsverfahren durchlaufen muss.

In der Regel ist es ein Architekt, der eine Baueingabe macht. Die ordentlichen Baubewilligungsverfahren sind je nach Gemeinde unterschiedlich. Grundsätzlich muss dieses Verfahren auch ein Tiny House durchlaufen! Dabei werden zum Beispiel die energetischen Anforderungen geprüft, Brandschutz, technische Normen, Lärmschutz, Dachform, Einhaltung von Grenzabständen etc..

Die Landwirtschaftszone ist für die Landwirtschaft und nicht zum Wohnen gedacht. Bewilligungsfähig ist höchstens das Wohnen für die Bauern und ihre Familien selbst. Wohnen wäre auch noch erlaubt, wenn der Landwirt im Hof nicht genug Platz findet oder noch mehr Personen auf seinem Betrieb beschäftigt, die dort wohnen. Aufgrund der klar definierten Zonenordnungen haben die Gemeinden darüber hinaus kaum Spielraum, Tiny Houses in der Landwirtschaftszone zu bewilligen.

Grundsätzlich ja. Die meisten Entwürfe und Varianten in ganz unterschiedlichen Formen und Grössen sind in der Regel voll ausgestattet als Wohnhaus. Das heisst mit Heizung, Küche, Toilette und Anschluss an Kanalisation, Wasser und Warmwasser etc..

Es gibt sowohl fest verbundene Kleinwohnformen als auch mobile Module und Haustypen. Am besten fragen Sie in den Gemeinden nach Möglichkeiten und freien Stellplätzen. Oft helfen auch Lokalzeitungen, Mund-zu-Mund-Propaganda, Ausschreibungen auf Online-Plattformen, Erkundungen vor Ort mit dem Fahrrad etc.

Der Verein Kleinwohnformen hat dazu eine detaillierte Checkliste herausgegeben: https://www.kleinwohnformen.ch/faq/

Nebst dem ordentlichen Baubewilligungsverfahren werfen auch die kantonal meist obligatorischen Gebäudeversicherungen Fragen auf (Feuer, Wasser bzw. Elementarschäden). Am besten klären Sie dies frühzeitig in Ihrem Kanton ab.

Auch Hypotheken sind nicht ohne Weiteres zu bekommen, weil Tiny Houses teils nicht fest mit dem Boden verbunden sind oder zumindest in der Bauweise nicht der Norm entsprechen. Es ist aber ähnlich wie bei den Baubewilligungen: So wie die Praxis der Gemeinden für eine Baubewilligung unterschiedlich ist, sind auch die Banken unterschiedlich offen für diese Wohnform. „Manche Banken haben durchaus passende Finanzierungslösungen entwickelt“, sagt Alesch Wenger vom Verein Kleinwohnformen. Es lohne sich in jedem Fall, sich zu erkundigen und Angebote zu vergleichen.

Die Anhänger der Tiny House-Bewegung haben dazu zwei wesentliche Argumente: Nicht alle Leute haben genügend Geld auf der hohen Kante, um bestehende Grundstücke gleich mit einem grösseren Projekt zu überbauen und die maximale Ausnützung auszuschöpfen. Heute können sich nur rund 10 bis 15 Prozent der Haushalte überhaupt Wohneigentum leisten. Zur Nachhaltigkeit: Verschiedene Studien attestieren den Bewohnerinnen und Bewohnern von Tiny Houses – die oft sehr bewusst leben und konsumieren – einen deutlich reduzierten „ökologischen Fussabdruck“. Ihre gesamte Ökobilanz fürs Wohnen und Leben liegt um bis zu 50 Prozent tiefer als die eines Durchschnittshaushalts.

https://www.kleinwohnformen.ch/faq/